Mit seinen filnf Symphonien, entstanden 1982 bis 1987, greift Isang Yun programmatisch die zentrale Gattung der europiiischen Musiktradition auf, um eine Summe seines gesamten kompositorischen Schaffens zu ziehen. In der Gattung der Symphonie wollte Yun die individuelle Auseinandersetzung mit dem Symphonischen Komponierens hinaus etwas Eigenes schaffen, in dem beide Tradtionen bewahrt sind und zugleich ihre Grenzen uberschntten werden. Dafiir nutzt der Komponist bewusst Beriihrungspunkte beider Traditionen. Das Spiel mit ghnlichen Elementen, die jedoch in der jeweils anderen Kdtur urspriinglich in vollig anderen Klutur ursprunglich in vollig anderen Bedeutungszusammenhangen stehen, wird zum zentralen Moment seines Komponierens. Wesenthch fiir die Gestaltung wird dabei das Prinzip der "Einheit in der Mannigfaltigkeit" bzw. "Mannigfaltigkeit in der Einheit", das sich aus der koreanischen Musiktradition und taoistischen Philosophe herleitet. Die Wirksamkeit dieses Prinzips fiir Yuns symphonisches Schaffen -von der musikahschen Oberflache bis ins Detail der kompositorischen Gestaltung- lasst sich in mehrerer Hinsicht abzulesen. Yuns Musikideal ist, entsprechend der koreanischen Musiktradition und dem Grundsatz der taoistischen FMoqhe, die in sich flexible gestaltete lineare Klangstromung in stadiger Verademg . Als entscheidend fiir die Umsetzung dies Ideals in seinen Symphonien stellt sich das Kompnieren mit Klanggesten heraus, wobei komplexe Tonhohen-Ordnungen, Ereignisdauern und Farb-/Instrumentationswechsel formbildend eigesetzt werden. In der vorliegenden Arbeit ist aufzuweisen, dass die Musik durch die melodische Aufwtirtsgeste bestimmt wird, die immer wieder neu aufgegriffen wird und sich im Verlauf der Musik allmwch zum Hohepunkt steigert. Diese Bewegungseinheit bildet eine musikalische Phrase, die in ihrer Lange unterschledhch sein kann. Rasch fallende Linien markieren haufig Abschnitte und Formteile. Verknupft mit der Funktion der Klanggeste ist &e der Instrumentation: Haufig stellt Yun verschiedene Instrumentengruppen blockartig gegeneinander. Der Klangfarbenwechsel erfolgt haufig in regelmaigen Viertaktgruppen. Das Verfahren der gleichformigen Rasterung und der wechselnden Klangkombination meist in Viertaktgruppen kann als einen Ruckgnff auf eine der Grundlagen der traditionellen koreanischen Musik verstehen: die stadige, regelmaige Wiederholung eines in diesem Fall rhythmischen Patterns innerhalb einer metrischen Einheit, uber dem sich die horizontale Melodlelinie freientfaltet. Yun ubertriigt dieses rhythmische Organisationsprinzip auf die Instrumentation. Das groB besetzte europfiische Symphonieorchester wird so zum fast unerschopflichen Klangvorrat fiir Yuns stets sich wandelnden Klangstrom, der sich eher in der variativen Reihung W c h e r Gestalten entfaltet als in einer dialektischen Entwicklung. In Hinblick auf die spezifische Entfaltungsart von Yuns Musik scheinen weniger stark besetzte Begriffe wie Setzung, Entwicklung und RucWiihrung mit abschliel3ender Rekapitulation angemessen zu sein. Zielgerichtetheit entsteht somit nicht durch die "logische" Verarbeitung von Motiven und Themen, sondern durch die ubergeordnete, aufwtirtsweisende Bewegungsrichtung. Dementsprechend tritt die Tonhohenorganisation im Detail eher in den Hintergrund. Allerdings gibt es bestimmte Klangzellen, insbesondere die fallende Sekunde b-a und die aufsteigende Terz (meist cis-el, die in allen Symphonien in Erscheinung treten und wichtige stmkturelle und semantische Funktionen ubernehmen.