Diese Arbeit macht sich zur Aufgabe, den Begriff der ‘platonischen Liebe’ zu untersuchen. Als Anhaltspunkt der Arbeit habe ich einen Satz aus Friedrich Hölderlins Roman 『Hyperion』, den man einen Platon-Roman nennen darf, genommen: „Weißt du, wie Plato und sein Stella sich liebten?“ Dieser Roman kann somit als eine Art Folie benutzt werden, anhand derer die Liebeskonzeptionen Platons betrachtet werden. Da die platonische Idee der Liebe sehr verschieden ist im Gegensatz um allgemeinen Begriff der ‘platonischen Liebe’, wie er in heutigen Redewendungen häufig verwendet wird, scheint es notwendig, erst die beiden Begriffsbestimmungen und ihre Entstehungsgeschichte zu untersuchen.
Das Konzept der Liebe, des Eros, wie sie Platon in seinem Symposion vorstellt, ist kein göttliches Wesen, sondern eine Macht im Menschen, eine Triebfeder des menschlichen Verlangens zur Vollendung des Schönen und des Guten. Die Liebe ist nicht nur sinnliches Erleben und sexuelle Lust, sondern führt als dynamisches Prinzip das Subjekt im Menschen zum Bereich der Transzendenz und zur Idee der Schönheit, und bedeutet dadurch, dass sie den Menschen antreibt, sich körperlich und geistig fortzupflanzen. Die Liebe bedeutet also eine Auflehnung gegen alles Sterbliche, den Tod. Das sei das Göttliche, die Unsterblichkeit im Menschen.
Der florentinische Neuplatoniker der Renaissance, Marsilio Ficino, sieht in der Liebe die maßgebliche Triebkraft für den Aufstieg der Seele zu Gott. Für diese Funktion verwendet er den Ausdruck ‘amor socraticus’, ‘sokratische Liebe’ oder ‘amor platonicus’, ‘platonische Liebe’. Der moderne, trivialisierte Ausdruck „platonische Liebe“ geht auf diesen Begriff Ficinos zurück, der jedoch mit den Konzepten von Platon und Ficino wenige Ähnlichkeit hat.
In der englischen Karolinger Periode verbreitete die Königin Henrietta Maria, die Ehefrau von Charles I. das platonische Konzept der Liebe am englischen Hof. Im Auftrag Henrietta Marias schrieb William D'Avenant eine Tragikomödie mit dem Titel 『The platonick lovers』. Das Drama wurde 1635 uraufgeführt und 1636 publiziert. Mit diesem Drama haben wir das Konzept ‘platonic love’, aber noch mit anderer Schreibweise(platonick love) und anderer Bedeutung.
Im modernen Sinne bedeutet der Begriff ‘platonic love’ etwas ganz anders als das, was wir bisher erörtert haben. Es ist nirgends zu finden, - wie im landläufigen Begriff von ‘platonic love’ ausgedrückt wird - dass die Konzeption des Eros bei Platon einen Verzicht auf das körperliche und sexuelle Verhältnis postuliert.
Hyperion stand am Anfang dieser Arbeit und wird auch das Ende darstellen. In der Vorrede von ‘Der vorletzen Fassung’ versteht Hölderlin die Welt anhand der Idee von Hyperion als Schönheit. “Es ist vorhanden - als Schönheit; es wartet, um mit Hyperion zu reden, ein neues Reich auf uns, wo die Schönheit Königin ist.-”(GStA III, S. 236) Und bittet Platon um Entschuldigung, im Namen aller Menschen: “Heiliger Plato, vergib! man hat schwer an dir gesündigt.”