Hilde Domin hebt die konkrete Erfahrung und Metaphorik der Flucht und des Exils hervor und prasentiert somit keine verharmlosende Sicht auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, sondern eine pessimistische Auffassung von der menschlichen Kultur, die keine Heimat zu bieten vermag. Der Bezug des Gedichts auf die Erfahrungen der nationalsozialistischen Verfolgung ist keinesfalls notwendig, lasst sich aber durchaus herstellen. So haben Worter wie "Asche“, "Grab“, "Ofen“ und "Verbrennen“ nach Auschwitz einen anderen Klang erhalten, der aber keineswegs in jedem Kontext horbar ist. Außerdem lassen sich manche Gedichte als Ausdruck eines existenzialistischen Gefuhls lesen, das die Fremdheit auf der Welt zum Ausdruck bringt. Unbestreitbar liegt in den Worten aber die Ermutigung, die Hoffnung "Dennoch“ nicht zu verlieren, auch wenn das widerfahrene Leid unheilbare Schaden angerichtet hat.
Wie sie in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen mehrmals erwahnte, war Schreiben fur sie "Rettung“ und hat als "Atem“ fungiert. Sie arbeitete im Exil in der Dominikanischen Republik als Mitarbeiterin und Sekretarin ihres Ehemanns, obwohl sie in Italien promovierte und dazu in der Lage gewesen ware, ihre eigenen wissenschaftlichen Interessen weiterentwickeln zu konnen. Doch nach langen Jahren entfremdeter Co-Arbeit benotigt sie ihr eigenes Betatigungsfeld. Daher kann man sagen, Schreiben war bei ihr "Ort der Freiheit“ oder "Atemraum fur Freiheit“. Nach der Ruckkehr schrieb sie mit großer Intensivitat ihre Poesie, die aus einfachen Wortern und Strukturen bestand.
Zum Diskurs um Lyrik nach Auschwitz liefern Domins Gedichte einen individuellen Beitrag, der insbesondere durch ihre spezifische Metaphorik gekennzeichnet ist. Domin ruft bekannte Bilder hervor, die wegen ihrer Vertrautheit eine starke Verknappung erlauben und gleichzeitig einen weiten Deutungshorizont eroffnen, der seinerseits durch den formal hochst elaborierten Kontext gestutzt wird.