Man versteht unter der Bezeichnung Naturalismus die extremste Auspra¨gung eines $quot;realistischen$quot; Stilwillens, der mo¨glichst vollsta¨ndige Wiedergabe der $quot;materiellen$quot; Realita¨t anstrebt. Doch der historische Naturalismus erschien weniger als bloße Extension alter Techniken auf neue Stoffe. Vielmehr erwies er sich als lediglich eine, nur zu einer bestimmten Zeit mo¨gliche, anna¨hrend gesamteuropa¨ische Literaturbewegung, die sich auf eine durch die Natur- und Sozialwissenschaften vermittlte und damn eingeengte Auffassung der Realita¨t gru¨ndete. Vor allem haben wir es in Deutschlund mit einer neuen Generation zu tun, die sick bewußt darum bemuht, im Sinne stofflich-motivlicher Themenwahl und schreibtechnisch $quot;modern` zu sein. Nur langsam aber allrna¨hlich starb der Glaube an einen metaphysisch definierbaren Menschen im 19. Jahrhundert im Denken der meisten Menschen. Von entscheidendem Einfluß warm die Entwickungen der Naturwissenschaft und der Soziologie. Am 1. Januar 1885 erschien die erste Nummer der ersten erfolgreichen naturalistischen Zeitschrift in Deutschlund. der von Michael Georg Conrad gegru¨ndeten 『Gesellschaft』. Nach Gesellschaft soil die modernen Literatur dem gro¨ßeren Kampf gegen die Gesellschaftsnormen und -werte dienen. die der Literatur als $quot;Verlegenheits-Idealismus$quot; und $quot;Moralita¨tsnotluge` zugrundeliegen. Aber im Grunde war die literarische Bewegung fair die Ju¨ngstdeutschen eine soziale, aber auch wegen ihrer Interesse an der eigenen Gesellschaft und deren großer Tradition zugleich eine nationale Bewegung. Die nationale Kunst sollte sich nicht nur von dem auslu¨ndischen Naturalismus, sondern auch von den underen Bereich wie der Wissenschaft und dem Journalismus grundsa¨tzlich unterscheiden. Was der Begriff des Naturalismus betrifft, blieben die jungen Literaten in der nationalliterarischen Tradition, indem sie die ausla¨ndische Naturalisten nach dem traditionellen Kunstverstundnis rezipierten und etwa den $quot;nackten Abklatsch der Wirklichkeit` verneinten. Zum Beispiel entwickelt Wilhelm Bo¨lsche unter dem Einfluß Zolas den Gedanken der auf der Naturwissenschaft gegrundeten Poesie. In seiner programmatischen Schrift 『Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie』(1887) weist er zugleich auf die Notwendigkeit, daß die neue Literatur unbedingt auf der Grundlage der großen deutschen Tradition stehen soll: $quot;Und vor allem: vergesst nicht, dass ihr der deutschen Literatur angehort, loss hinter euch Go¨the und Schiller stehen und dass ihr ein Recht habt, euch als deren Enkel selbsta¨ndig neben den Schu¨ler Balsac`s und Nachfolger Victor Hugo s zu stellen, was die Vergangenheit und den Bildungsgrad eures Volkes anbetrifft`.