In der vorliegenden Arbeit wird versucht, die Napoleons Ratselfrage uber “eine gewisse Stelle” im Werther wahrend seiner Unterredung mit Goethe vom 2. Okt. 1808 zu beantworten. Dabei sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass bei der Suche nach der von Napoleon kritisierten Stelle in dem Roman bisher immer versucht wurde, dem Bild des literarisch gebildeten Napoleon auf die Spur zu kommen. Die Antwort von Johann P. Eckermann hat Goethe selbst noch zuruckgewiesen. Die Idee von Kanzler Friedrich von Muller, die viele Goethe-Biographien ubernommen haben, lasst leider auch an ihrer Glaubwurdigkeit zweifeln. Der Versuch von Gustav Seibt(2008) ist romanasthetisch umstritten, wenn er behauptet, dass Napoleon einen Fehler in der allwissenden Erzahlhaltung des sog. “Herausgebers” im Schlussteil des Wethers gesehen haben. Uber die 2009 von Bernd W. Seiler wieder akzeptierte Interpretation, die sich auf die Passivitat des Helden Werther konzentriert, muss auch weiter diskutiert werden. Werthers schwachlich-passives Verhalten kann weder “nicht naturgemaß” noch ein Fehler des Autors genannt werden. 2010 kommt endlich der m. E. richtige Losungsversuch von Rudolf Becker. Er ist der Ansicht, dass es fur Werther “mit einer auffahrenden Gebarde” nicht moglich gewesen sei, sich augenblicklich “die Mundung der Pistole ubers rechte Aug` an die Stirn” zu drucken, wie es im ersten Teil des Werks heisst. Dieser Versuch scheint die endgultige Losung des Ratsels zu sein, wenn man bedenkt, dass das Nachstliegende immer ubersehen wurde: Napoleon hat hier nicht als Literaturwissenschaftler, sondern als Soldat eine Unstimmigkeit aufgezeigt, die in ihrer Banalitat nicht ins Blickfeld der Literaturwissenschaft geraten ist. Vor allen Dingen ist Beckers Erklarung ganz klar, warum Goethe selbst beharrlich geschwiegen hat, dass Napoleon die falsche Beschreibung der Handhabung der Pistole Werthers im Roman bemangelt habe. Die eindrucksvollste Passage aus seiner Abhandlung: “Durch die Preisgabe des Geheimnisses ware die Dichtung schwer beschadigt worden, gerade an entscheidenden Stellen. Nicht nur im ersten Teil, sondern auch im zweiten hatte man dann an Napoleons Kritik gedacht, und dichtungsfremde Uberlegungen hatten so vom dramatischen Geschehen abgelenkt.”