Schleiermachers Akademievortrag “Uber die verschiedenen Methoden des Ubersetzens” gilt als eine bahnbrechede Untersuchung zum Problem des Ubersetzens. Er enthalt hinsichtlich der Ethik des Ubersetzers viele in sich widersprUchliche Aspekte, die sich nicht in einen einheitlichen Sinn aufheben lassen. Einerseits setzt Schleiermacher eine nationale Gemeinschaft voraus, die sich durch die Ubersetzung erweitert, und schliesst aus ihr die Bi- und Multilingualen aus. Denn es kommt in seinem wahren Begriff der Ubersetzung auf die Vermittlung eines fremden GefUhl des Auslandischen an. Andererseits deutet Schleiermachers Suche nach dem wahren Weg der Ubersetzung auf eine Moglichkeit hin, im Deutschen verschiedene differenzierte Ubersetzungssprachen zu schaffen. Das kann schliesslich zur radikalen Veranderung des Deutschen fUhren. Dieses gewichtige Moment lasst sich anhand einer Streitschrift von Karl Schafer, der die Methode Schleiermacher als eine Verletzung der Nationalsprache anprangert, deutlich ablesen. Schleiermachers Akademievortrag zeigt gegenUber dem anbrechenden Nationalismus die zweischnedige Haltung seiner Zeit. Die wahre Ubersetzung ist fUr ihn zwar bei der Entwicklung und Erweiterung der Nationalsprache von unentbehrlicher Bedeutung. Er erkennt aber keinen inter- und transkulturellen Raum zwischen den Nationen an. Ein anderer Aspekt der Ubersetzungstheorie Schleiermachers ist zu betonen: im Bezug auf die Hermeneutik. Schleiermacher als BegrUnder der allgemeinen Hermeneutik erortert die Tatigkeit der Ubersetzung in Analogie mit der des Verstehens. Bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass jene eher als eine Gegenbewegung zu dieser zu begreifen ist. Das heißt, dass das Ubersetzen anders als das Verstehen eine Kunst ist, die Fremdheit, die einem Kunstwerk wesentlich ist, zu bewahren. Schleiermacher behauptet, diese Kunst sei theoretisch nicht schwierig zu praktizieren. Was dem Ubersetzer eher Schwierigkeiten bereitet, ist das dabei erforderliche Ethos. Schleiermacher zufolge bedarf diese wahre Ubersetzung einem Ethos des Ubersetzers, namlich der Entsagung. Hier zeigt sich noch ein Paradox der Ubersetzung: Die Freiheit des Ubersetzers geht aus der Unterwerfung desselben unter das Original hervor.