Die Natur gehort eigentlich nicht recht in die Gattungsasthetik der dramatischen Dichtung, hat doch das Drama bereits der aristotelischen Definition zufolge "handelnde Menschen" nachzuahmen. Bei aller Eindeutigkeit der anthropozentrischen Auffassung des Dramas ist allerdings die Ansicht, auf dem Theater herrsche der Mensch allein, nicht zu verallgemeinern. Ein Gegenbeispiel fur die angeblich theaterfeindliche Interessenlosigkeit der Natur stellt nichts Geringeres als das Werk Faust dar. Selbst wenn der Protagonist oft wie ein rucksichtsloser Tatmensch handelt und als solcher die Natur zu erkennen, unmittelbar und gefuhlsmaβig zu erfahren, zu beherrschen und in Besitz zu nehmen sucht und sogar ihre Gesetze zu brechen trachtet, wird sein Entwicklungsprozess, der fur den Aufbau der dramatischen Handlung maβgeblich ist, im Himmel vorbestimmt, insofern also von der Natur, da, wie Goethe schrieb, "Gott in der Natur, die Natur in Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit, schaffen und wirken moge". Die Faust-Handlung endet ebenfalls im Himmel und damit in der Natur: Sie ist sozusagen von der Natur umfasst und umrahmt.In der vorliegenden Untersuchung geht es darum, die besondere Stellung der Natur in Faust unter Hinzuziehung der koreanischen Auffassung der Natur zu begrunden und der Aktualitat des Werkes gerade fur die Gegenwart gerecht zu werden. Die Untersuchung wurde von der Hoffnung getragen, zur Erweiterung einer interkulturellen und -disziplinaren Sichtweise beizutragen, die in der heutigen realen Umweltkrise und der angeblichen Krise der Geisteswissenschaften eine uber den philologischen Horizont hinausreichende interpretatorische Herausforderung darstellt. Dabei wurde von einer alteren These Konrad Burdachs ausgegangen, dass die Natur "eine Achse der ganzen Faustdichtung Goethes" darstelle. Auf Grund eines in diesem Sinn erarbeiteten Aufbauprinzips von Erweiterung,Steigerung, Wiederholung und spiegelbildlicher Gegenuberstellung habe ich versucht, eine um einige interkulturelle Elemente bereicherte Lesart von Faust herauszuarbeiten, die dem spannungsreichen Konflikt zwischen Kultur und Natur im Werk jene Fremdheit nehmen sollte, die eine ihm gebuhrende Rezeption erschwert hat. Dabei wurden drei Erscheinungen der Natur berucksichtigt, die zum Verstandnis der Struktur und Thematik des Gesamtwerkes von wesentlicher Bedeutung zu sein scheinen: das Licht des Himmels, (der Berg und) das Wasser und der (Linden)baum. Diese drei Naturerscheinungen stehen auch in Korea stellvertretend fur die Natur; von der Universialitat ihrer Symbolik ist also auszugehen. In der Tat verbinden sie den ersten und den zweiten Teil des Dramas sinnvoll und fungieren insofern als ein konstitutives Gerust der gesamten dramatischen Handlung, als sich anhand ihrer verschiedene szenische und thematische Bezuge zwischen beiden Teilen her Stellen lassen.