In diesem Aufsatz geht es um die Hautung oder Schindung, dies ist ein gewaltsames Herunterreißen der Haut. Die Hautung bei lebendigem Leib-das ist eine außerst entsetzliche Todesart, wobei der betroffene Organismus stirbt, weil sein ganzes Eingeweide geoffnet ist. Im griechischen Mythos schindet der Gott Apoll als Strafe den Silen Marsyas, nachdem jener im Musik-Wettstreit diesen besiegt hat. Im Wettstreit spielt Apoll Lyra und Marsyas Flote. Ovid (BC43-AD17?) schrieb diese Fabel in seinen Metamorphosen. Danach haben viele Kunstler, Maler, Bildhauer und Dichter in der europaischen Kultur sich diese entsetzliche Geschichte angeeignet und in ihren Werken auf verschiedene Weise gestaltet. Hier wird zunachst untersucht, auf welchem Hintergrund der Marsyas-Mythos entstanden ist und was der Mythos in der griechischen Gesellschaft bedeutete. Dieser Wettstreit war, mit einem Wort, eine Art von Kulturkampf: ein Streit zwischen der Lyra Apollons und der Flote des Marsyas. Schon seit Langem gab es in Griechenland eine Diskussion uber den rauschenden Klang der Flote, die dem Logos schaden solle, und dieser Disput konkretisierte sich im Marsyas-Mythos. Im 16. und 17. Jahrhundert ist Hautung als Thema in viele Gemalde, Stiche, Skulpturen und Reliefs eingegangen. In diesem Aufsatz wird das Gemalde Tizians Schindung des Marsyas intensiv erforscht. In der Analyse dieses Werkes wird dargelegt, dass der Maler Tizian, und zwar in der Gestalt des Konigs Midas, auf der Seite des leidenden Marsyas steht. Außerdem hat die Verfasserin gezeigt, dass manin diesem Gemalde den Gegensatz von Malern in Florenz (Michelangelo, Raphael) und in Venedig (Tizian), sozusagen den Gegensatz ``diesegno`` (Zeichnung) und ``colorito`` (Farbe) finden kann. Tizian, der Meister der Farbe, nimmt fur Marsyas mit seiner eigenartigen Farbgebung Partei, wahrend er sich gegenuber dem Gott des Lichtes Apoll kritisch verhalt. Danach werden zwei Erzahlungen der DDR Literatur erforscht: Marsyas von Franz Fuhmann (1922-1984) und Zweikampf von Thomas Brasch (1945-2001). Fuhmann, der im real existierenden Sozialismus der DDR lebenslang den Widerspruch von Doktrin und Dichtung erlebte, hat in dieser kurzen Erzahlung seinen eigenen Marsyas gezeigt, der nach der Schindung (Tod) in der Gestalt des Haut-Balges als eine Flagge der Verlorenen wieder lebendig wird. Thomas Brasch, der den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere, sondern als deformierte Realitat erfuhr, hat auch seinen Marsyas gestaltet, der mit der konsequenten Ablehnung des Flotenspiels den Apollon erkennen lasst, dass der Silen im Wettkampf von Anfang an die Oberhand hat und der Gott keineswegs der Sieger ist. Obwohl dieser tragische Mythos einer anderen Zeit angehort, haben die beiden Autoren ihn als Material ihrer Literatur gebraucht, um ihre Leiden und ihre wahre Verbundenheit mit Dichtung bekannt zu machen.