Anlaljlich einer 1989 bei Autoren des Suhrkamp-Verlages gestarteten Umfrage hat Peter Handke drei Bucher angefihrt, eins davon war Monsieur Teste. Das im Jahre 1896 erschienene Werk von Paul Valery enthalt eine Passage, in welcher der Erzahler seine Bewunderung fir das auljerordentliche Gedachtnis des mysteriiisen H e m Teste ausdriickt. Handkes Wertschatzung dieses Werkes ist mit seinem eigenen Interesse an der Gediichtnisthematik erklarbar. Erinnerung ist ein Thema und Motiv, das Handke seit seinen schrifistellerischen Anfangen begleitet. Mitte der 70er Jahre scheint der Schriftsteller Handke eine existentielle Krise zu durchleben, wie wir im folgenden Satz finden. "Ich verbringe jetzt die ganze letzte Zeit damit zu lemen, wie man sich nur noch erinnern konnte. Ich habe so wahnsinnig vie1 vergessen." Aber er spricht weiter, er mochte sich einmal schreibend auaern, "was fiir eine wichtige Tugend die Erinnerung" sei. Handkes Erinnerungsbegriff ist durch seinen "gleitenden Gehalt" gekennzeichnet. In seinem Werk Der kurze Brief zum langen Abschied schreibt er von dem Erinnern des Erinnerns einer Amerika-Reise. Dabei nimmt der Protagonist eine Trennung zwischen "die leidende Erinnerung" und "die tatige Erinnerung". Wahrend "die leidende Erinnerung" ihm unwillktirlich vor Augen tritt, kann "die tgtige Erinnerung" absichtlich in Gang gesetzt werden. Mit der erkannten leidenden Erinnerung verbinden sich ausnahmslos angstbesetzte Bilder aus der Kindheit, die nicht durch allein aus dem Erlebnis des Zweiten Weltkriegs resultieren. Insbesondere die Isoliertheit und die Einflirmigkeit der famililren und rilumlichen Umgebung unterdriickten die sinnliche Wahrnehmung des Heranwachsenden gegeniiber Ungewohntem und somit die Miiglichkeit, Neues zu erleben, es mit Vertrauem zu vergleichen und Analogien aufzuspiiren. Daher wiinscht sich er zwar nach Gedgchtnisverlust, aber er versucht weder die Auslbschung noch Verdriingung, sondern eine Kontrolle der aus dem bisher Gelebten sich ergebenden Beschrilnktheiten, urn "Rr sie alle eine Anordnung und eine Lebensart zu finden". Den Erinnerungen sol1 ein Platz zugewiesen werden, um daraus ein Bewufltsein lebensweltlicher Kohlrenz ableiten zu k6nnen.