Die Aufgabe der vorliegenden Arbeit besteht darin, den Zusammenhang zwischen den soziohistorischen Entwicklungen des 19. Jhs. in Deutschland und den sprachlichen Entwicklungen zu beschreiben, und unter anderem detailliertere und fundiertere Erkenntnisse u¨ber Verschiebungen in der Struktur der Sprachvarieta¨ten als Folge sich verandernder kommunikativer Bedingungen unter dem Einfluß der $quot;Industrierevolution$quot; in Deutschland des 19. Jahrhunderts zu gewmnen. Zuna¨chst werden die wichtigsten soziokulturellen Faktoren skizziert, die die kommunikativen Verha¨ltnisse des 19. Jhs in Deutschland determiniert haben. Die $quot;Industrierevolution$quot; setzt mit zunehmender Beschleunigung die lndustrialisierung in Gang und fu¨hrt zu komplexen sozialen Bewegungen der Landflucht, der Versta¨dterung und der Massenkultur. Die Bevo¨lkerung gewinnt dabei eine ihr bisher unbekannte ko¨rperliche und geistige Mobilita¨t. Unter dem Einfluß dieser soziokulturellen Vera¨nderungen wandeln sich auch die Binnenstrukturierung des Arbeitsfeldes und die soziokommunikativen Verha¨ltnisse der Arbeitschaft, d.h. die Wechselwirkung von Umgangssprache, Dialekt und Standardsprache in den Konzeptionen des sog. $quot;funktionalen Paradigmas$quot;. Diese sowohl sozialhistorisch als auch soziolinguistisch und sprachhistorisch bedeutsame Beziehung zwischen Umgangssprache, Dialekt und Standardsprache im 19. Jh. steht also in einem gegenseitigen Wirkungs- und Verwertungsverha¨ltnis. Die Dialekte scheinen nicht mehr von allen Sozialschichten als Kommunikationsmittel gebraucht worden zu sein. Wa¨hrend sich der kommunikative Bereich der Dialekte immer mehr auf den alltaglichen Verkehr beschrankte, entwickelten sich die verschiedenen Typen der Umgangssprache in der Sprache der Fabrikarbeiter in der 2. Ha¨lfte des 19. Jhs. weiter. Insbeson-dere die Erweiterung der sozialen Basis der $quot;niederen Umgangssprache$quot; hatte erhebliche Auswirkungen auf die Stellung der Dialekte in den deutschen Sprach-varieta¨ten zur Folge. In dem Maße, wie Umgangssprachen unterschiedlicher Typen in der Struktur der Sprachvarieta¨ten des Deutschen eine wachsende Bedeutung erhielten, setztegleichzeitig eine Wechselwirkung von Umgangs- und Standardsprache ein. Der Funktionsbereich der Standardsprache erweiterte sich unter anderem auch dadurch, daß sie in den mu¨ndlichen Verkehr immer mehr eindrang. Die Standardsprache hat sich endgu¨ltig in den verschiedenen Bereichen des o¨ffentlichen Lebens behauptet. Als Gesamtergebnis der Sprachentwicklung im 19. Jh. ko¨nnen die versta¨rkende Entwicklung verschiedener Typen von Umgangssprachen und die Herausbildung einer normierten Standardsprache angesehen werden. Schließlich werden typische Forschungsfragen exemplarisch veranschaulicht.