Shakespeare in Deutschlund ist der interessanteste und ergiebigste Teil der literarischen Beziehungen zwischen Englund und Deutschlund. Der gro¨ßte Dramatiker der elisabethanischen A¨ra wurde seit der Mitte des 18, Jahrhunderts von fu¨hrenden Schriftstellern und Kritikern Deutschlunds als ein genialer Dramatiker weltliterarischen Formats erkannt und gewu¨digt. Die Diskussion u¨ber seine Dramen und ihre Aufnahme haben in Ku¨rze auf die Entwicklung der deutschen Nationalliteratur so stark gewirkt, daß jede wissenschaftliche Beschaftigung mit der Dramatik, Theatergeschichte und Literaturtheorie Deutschlunds Shakespeare und seinen Einfluß nicht umgehen kann. Im vorliegenden Beitrag geht es darum, die Auseinundersetzungen u¨ber Shakespeare in der Blu¨tezeit der klassischen deutschen Literatur, zwischen Autkla¨rung und Spa¨tromantik also, als einen Modellfall produktiver und reproduzierender Rezeption festzustellen und auf dessen Beispielhaftigkeit fu¨r die Folgezeiten hinzuweisen. In der Anfangsphase der Shakespeare-Aneignung stand ie Querelle des Anciens et des Modernes$quot; im Mittelpunkt der Diskussionen: Es wu¨rde immer wieder u¨ber seine Na¨he zur Antike oder seine Modernita¨t diskutiert. So erblickte Lessing die Gro¨ße Shakespeares darin, daß er mittels seiner ungewo¨hnlichen Charakteristik und der Sprache der Leidenschaft jene von Aristoteles geforderte Wirkung des Mitleids viel besser erziele als die klassizistischen Franzosen. Die Aufnahme des Briten beschleunigte u.a. Wieland mit seiner Werku¨bersetzung. Der Prosaform dieser U¨bersetzung verdankt sich in erheblichem Maße das Bild des Shakespeare als eines scho¨pterischen Genies, das sich u¨ber die tradierten Regeln hinwegsetzt und neue Formen schafft. In der Begeisterung der Stu¨rmer und Dra¨nger fu¨r die Snakcspcaresche Originalita¨t bzw. Regelwidrigkeiten spiegeln sich dig neuc Kunstauffassung und das neue Menschmbild eines sich sehst bewußt werdenden Bu¨rgertums. Die nachrevolutinona¨ren Phasen der Napoleonschen Kriege und der politischen Restauration, die Zeit von 1790 his 1830 bzw. die Epoche der Klassik und Romantik, wurden von den Zeitgenossen als eine ununterbrochene Folge politisch-sozialer und geistiger Krisen erfahren, die jeweils das Kulturleben und somit auch die Shakespeare-Rezeption stark beeintlußten. Der Brite wurde jetzt nicht mehr nur als originaler Menschengestalter und Sprachgenie gefeiert, sondern er wurde unter verschiedensten Aspekten beleuchtet und als Gewa¨hrsmann fu¨r die jeweils eigene a¨sthetische Position herangezogen. So ist er fu¨r Schiller neben einer Reihe antiker Traiker cin $quot;naiver Dichter. wa¨hrend Fricdrich Schlegel in ihm einen der wichtiosten Verlreter der modernen, $quot;interessanten$quot; Dichtung sieht. Die Hamlet-Interpretation in Goethes Roman Willhelm Meisters Lehrjahre war ein Spiegel der zeitgeno¨ssischen Bemu¨hungen, Shakespeare unter Beru¨cksichtigung innerer und a¨ußerer Verha¨ltnisse auf dem deutschen Theater heimisch zu machen. Bei Bearbeitungen bestrebten Goethe und Schiller in ihren reifen Jahren eine harmonische Synthese, indem sie Shakespeares Stu¨cke dem Stil ihrer klassizistischen Dramen anzupassen versuchten. Die deutsche Shakespeare-Aneionung hat in der Romantik ihren Ho¨hepunkt erreicht. Fu¨hrende Romantiker wie Ludwig Tieck und die Bru¨der Schlegel waren fa¨hig, das eigentlich Poetische an Shakespeare, das Wunderbare und Phantastische, gebu¨hrend zu erfassen und als ein Element des menschlichen Lebens auszulegen. Zum anderen wurde mit der großen Shakespeare-U¨bersetzung A. W. Schlegels / Tiecks die Einbu¨rgerung des Briten in Deutschlund in einem endgu¨ltigen Sinn vollzogen. In den Augen A. W. Schlegels ist jedes der Dramen Shakespeares ein kunstvoll gebauter Organismus, dessen Einzelteile mit innerer Notwendigkeit miteinander verbunden und auf das Ganze bezogen sind. Mit seinen Vorlesungen u¨ber dramatische Kunst und Literatur konnte Schlegel