Der Literaturkritiker Jens Jessen stellte vor einiger Zeit mit Recht fest, daß Joseph Roth als ,,patriotischer Sa¨nger und nostalgischer Verkla¨rer der Doppelmonarchie$quot; mißverstanden wurde, der sich aus Verzweiflung u¨ber die Zeitla¨ufte in einen weltfremden Reaktiona¨r verwandelt ha¨tte und vor der Barbarei des Nationalsozialismus in die Beschwo¨tung des o¨sterreichischen Vielvo¨lkerstaates gefiohen sei. Diesem Mißversta¨ndnis setzt sich Jessen entgegen, indem er den Blick auf den frahen Antifaschismus Roths richtet, auf die Schilderung von faschistischen Umtrieben im ersten Zeitungsroman. Das Abstempeln eines solch weitsichtigen Schriftstellers zum eltfremde(n) Tra¨umer$quot; wird auch mit dem Hinweis auf Roths unbartnherzige Angriffe in der Exilpresse gegen Nazi-Deutschland dementiert. Joseph Roth ist kein ,,weltfremder Tra¨umer$quot;, der die Utopie des Vielvo¨lkerstaates mit der historischen politischen Realita¨t verwechselte, sondern ein ,,Tra¨umer$quot; wie ein Kind, das voller Trotz die Welt der Erwachsenen durchschaut, mit Kalku¨l tra¨umt und sich zu Recht widersetzt. Die vorliegende Arbeit setzt rich zum Ziel, durch eine textnahe Lesart der Deutschland-Reisefeuilletons Roths den politischen Schriftsteller zu wu¨rdigen. Wenn das Reisen eigentlich ahrnehmungsform der Fremde$quot; oder ,,Fremderfahrung$quot; ist, bedeutet das Reisen durch Deutschland fu¨r Roth eine Erfahrung mit dem Fremdgewordenen. Das Reisen ist dabei ein Medium der Beobachtung und Wahmehmung der sich vera¨ndemden Welt, die rich von dem Herko¨mmlichen, Vertrauten entfremdet. Die vielfa¨ltigen Entfremdungserfahrungen im Zuge der Industrialisierungsprozesse, der Versta¨dterung und Natunerwahrlosung Bowie die wachsende Inhumanisierung Deutschlands in der Weimarer Republik bilden den stofflichen und thematischen Inhalt von Roths Deutschland-Reiseberichten. Was er u¨ber seine Reiseerfahmngen mitteilt, sind nicht die Vorfa¨lle. sondem die .,Symptome der Zeit und Ortes$quot;, die vom ,,Chronisten$quot;, der das Gesicht der Zeit zeichnet, aufgezeichnet werden. Roths Berichte sind von einem diagnostischen Interesse gesteuert. Roth beobachtet also symptomatologisch und beschreibt diagnostizierend. Durch seine Warnung vor der to¨dlichen Gefahr des aufziehenden Totalitarismus in Italien und Deutschland und durch seine heftige Kritik an der politischen und geistigen Situation Deutschlands und der europa¨ischen La¨nder erweist sich Roth nicht als ,.weltfremder Tra¨umer$quot; sondem als ein politisch stark engagierter Schriftsteller.