Das Aggregat der Abendgedichte von Holderlin ist als miteinander dicht verllochtenes Gewebe und daruberhinaus als bedeutendes Gedichtzyklus anzusehen. Von dem Gedicht ie Meinige$quot;, geschrieben im Alter von 16 Jahren, bis zu einem der spa¨testen Gedichte er Heist$quot; hat Ho¨lderlin die Vorstellungen vom Abend, die zugleich seine jeweiligen Entwicklungsphasen zeigen, immer wieder neu gestaltet und varu¨ert. Und doch sie weisen auffallende Gemeinsamkeiten innerhalb dieser Gedichte auf. Manche Gedichte von Ho¨lderlin schließen in sick eine Reihe von Gedanken, die keine direkten Assoziationsverknu¨pfungen mit dem Abend haben : das glu¨hende Ideal seiner Jugend, vereint mit dem Enthusiasmus und der Erhabenheit von Klopstock und Schiller; Liebe und Freundschaft; Griechenland und Deutschland, d. h. das Abendland u¨berhaupt; die Antike und die Moderne; Dichtung und Dichter; Natur und Mensch; Stadt und Idylle; Go¨tter und Heroen, usw. Der Betrachtung Overt Bind all these Themen und Motive, die einen Zusammenhang mit dem Wechsel der Zeiten meter oder weniger erkennen lassen. Der Begri¨ff Abend nimmt aber darunter einen besonderen Platz ein, dean er ist (sine) bildlich mit Tag und Nacht verbunden und liefert somit eine allumfassende Bildlichkeit - eine Matrix, die alles vereinigt, und eine gunstige Lage, wovon das Panorama der dichterischen Welt Ho¨lderlins betrachtet werden kann. Allerdings spielt jeder Gegenstand der oben erwa¨hnten Aufza¨hlung eine wichtige Rolle irgendwo in seiner Abendlyrik. In gewissem Grade rackt sich darin anscheinend die U¨bergangszeit vom Tag bis zur Nacht in die symbolische Mute mit all ihren evokativen Zauberkra¨ften. Nachdem aber die Ode bendphantasie$quot; erschienen ist, wechseln die Kulissen: die Nacht ru¨ckt sich in den Mittelpunkt der Szene und bleibt so bis zum Entstehen der ,,Nachtgesa¨nge$quot;. In Gedichten der letzten Tu¨binger Zeit 1a¨ßt sick die symbolische Sprache des Abends in die einer Jahreszeit u¨bertragen, die die abendlichen Motive wiederum in sich aufnimmt, sie aber auch transzendiert. Die gauze Entfaltung Ho¨lderlins als Dichter hat nach einem einzigen Ziel hingestrebt: Transzendenz, Zeichen eines Geistes, im Zusammenhang mit der sprachlichen U¨berwindung des Zwiespa¨ltigen und des Ambivalenten, was in seiner Dichtung immer wieder zum Ausdruck kommt. Was darauf erfolgt ist, ist die kreative Periode der großen Elegien und Hymnen von 1800 bis 1807, die in der Darstellung des sta¨ndigen Zirkelbogens eine Erscheinung des Absoluten postulieren wollen. Ihr Entstehen ware vielleicht ohne das Vorbild der ,,Abendphantasie$quot; nicht zu denken.