In der vorliegenden Abhandlung wird das Abschiedsomtiv in der spa¨ten Lyrik Rikes in Verbindung mit der Vollza¨hligkeitthematik untersucht, well dieses Motiv mit der eigentu¨mlichen Zeit-Vorstellung Rilkes der sog. vollza¨hligen Zeit eng verbunden ist. Das Moment des Abschieds als eines der reinsten und intensivsten Geftihlserlebnisse bedeutet fu¨r Rilke zuna¨chst schon von seiner fru¨hen Zeit an eine Grundsituation des Lebens. Den Abschied als eine Form der intensiven Schmerten findet Rilke vor allem in der Liebe der $quot;großen Verlassenem`, die er in seinem Malte-Roman und in seiner 1. Elegie besonders ru¨hmt. Diese großen Frauen werden nicht nur geru¨hmt, weil sie sich durch ihre besitzlose Liebe von ihrem Verlassensein befreien und ins Ganze richten konnten, also den Umschlag von dem passiven Verlassenseinsschmerz in die aktive Begegnung mit dem All leisteten, sondern vor allem weil sie diesen Schmerz nicht einfach leidend ertragen haben. Sie haben na¨milich das unertra¨gliche Gefu¨hl des Abschiedes in die Dichtung verwandelt und ihre Leben $quot;fruchtbarer und mehr$quot;(1. Elegie) gemacht. Die Seinsweise dieser großen Liebenden ist schon die Verwirklichung sowohl des menschlichen als auch des ku¨nstlerischen Daseins. $quot;Vollza¨hlig-Sein$quot; in seinem erweitersten Sinne heißt die endgu¨ltige Seinsweise, die Rilke vor ahem von sich selbst als Ku¨nstler fordert. Ein Vorbild solcher scho¨pferisch-ku¨nstlerischen Seinsweise findet Rilke in dem großen Dichter F.Ho¨lderlin. Der Dichter hat mit den Begegnungen und Wandlungen dutch die zahlreichen Abschiede seine unsterblichen ku¨nstlerischen Leistungen vollgezogen. Durch den Umschlag in die aktive Form, d.h. in die Begegnung mit dem All, erhoht sich der Abschied als eine Eingangsweise in die hohere Dimension, und in seinem erweiterten Sinne auch in die $quot;andere Seite der Natur$quot;. Mit dem Eingang in die undere Seite der Natur vollzieht sich erst das sog. $quot;Ganzheiterlebnis$quot;. Mit dem Bild des $quot;Eingang in die undere Seite der Natur$quot; meint Rilke nie den wirklichen Tod. Es ist vielmehr Rilkes aesthetisch-ku¨nstlerische Forderung, das Leben in seinem vollen Sinne zu erkennen. Und dieses Erkennen $quot;zu sagen$quot; ist das endgultige Ziel der ganzen Dichtung Rilkes. Diesen Moment des Erkennens und Sagenko¨nnens nennt Rilke die $quot;vllza¨hlige Zeit$quot;, oder die $quot;senkrecht stehende Zeit auf der Richtung vergehender Herzen$quot;(An die Musik). In solchem Zusammenhang gewinnt jetzt das Abschiedsomotiv eine Bedeutung, die mit dem Begriff der $quot;Verwandlung ins Unsichtbare$quot; identisch ist. Die radikalste und zugleich endgu¨ltigste Form des Abschiedes ist ja der Tod. Und fu¨r Rilke ist das Leben mit dem Totsein erst vollza¨hlig. Dieser Gedanke von der Identita¨t der $quot;Doppel-Bereiche$quot; formutiert Rilke in seinem beru¨hmten Sonett, dessen erste Zeile $quot;Sei allem Abschied voran...$quot;(Sonette an Otpheus, 2.XIII) lautet, in dem Bild der $quot;vollen Natur$quot;. In dem Sonett ist der Abschied vor allem eine Art ` jubelnde Hinzuza¨hlung in den Vorrat der vollen Natur$quot;. Mit dem Bild der $quot;Hinzuza¨hlung$quot; meint Rilke nicht nur die endgu¨ltige Ru¨ckkehr in die Erde als Mutter Natur, also die Bejahung des Schicksal des Menschen als kreatu¨rliches Wesen. Rilke meint damit such das Eingehen der ku¨nstlerischdichterischen Leistung des einzelnen $quot;in die Summe$quot; der ganzen geistigen Leistungen der Menschheit u¨berhaupt. In solchem Sinne gewinnt das Motiv des Abschieds als eine Art der Verwirklichung des $quot;vollen Seins$quot; seine endgu¨ltige Bedeutung. Der Abschied ist, wie Holthusen richtig interpretieR hat, die Modell-Situation des Schicksal ragenden Menschen schlechthin.