In der vorliegenden Arbeit wird versucht, durch bie Betrachtung des Literatur-Verstandnis von Ingeborg Bachmann (19261973), eine affirmative Antwort auf die Fragwurdigkeit der dichterischen Existenz uberhaupt zu finden, die Fragwurdigkeit seiner eigenen Existenz, die insbesondere jeder gegenwartige Dichter vor Augen hat. Ingeborg Bachman, die wahrend der funfziger Jahre im deutschsprachigen literarischen Raum als eine bedeutende Lyrikerin anerkannt wurde, spricht in ihrer rankfurter Vorlesungen" (1959) von der "utopischen Existenz des Schriftstellers and den utopischen Voraussetzungen literarischer Werke. " Die Dichterin versteht Literatur grundsatzlich als Sprach-Utopie, Ziel der vorliegenden Arbeit ist es dementsprechend, den Bachmannschen Utopie-Begriff genauer zu untersuchen and seine Relevanz fur die Rechtfertigung der dichterischen Existenz unter Beweis zu stellen. 1. `Utopie` ist im Rahmen der Literaturwissenschaft noch keine selbstverstandliche Terminologie. Das Wort ist sozusagen als Genre des `Staatsromans` literaturtraditionell fixiert and fungiert als Sachbezeichnung fur jede Art ideeler and idealer Gesellschaft, die jenseits der Grenzen erfahrbarer Wirklichkeit semen `Ort` - also `keinen Ort` hat. Doch mit diesem traditionellen Utopie-Begriff hat `Utopie` von Ingeborg Bachmann wenig zu tun. Die Dichterin zeigt keine ideale Gesellschaft, sondern vielmehr demonstriert sie den defekten Zustand der Wirklichkeit. Ihrem Utopie-Versttandnis kann man nur gerecht werden, wenn man diese Ulopie nicht als Ziel, sondern als Richtung vor Augen. versteht. D. h: der Bachmannsche Utopie-Begr9ff verpflichtet sich nicht. zum Entwurf einer defektfreien welt, sondern nur zu einer Denkform, die die Hoffnung auf eine Utopie - bei ihr auf eine `Sprach-Utopie` - nicht aufgibt. 2. Geistesgeschichtlich lebte .Ingeborg Bachmann im Bannkreis des `europajschen Nihilismus` , and literaturgeschichtlich schlieBt sie sich direkt an die Tradition der modernen Lyrik, namlich ap die `absolute Poesie` , an, Aber der Nihilismus ist nicht mehr Ziel, sondern der Ausgangspunkt ihres Dichtens. Daraber hinaus ist sie auch nicht der Tradition des modernen Formwillens verpflichtet, sondern versucht ausdrucklich, von dem narzisstischen Kunstler-Reich der absoluten Poesie sich abzutrennen, Die Gefahren einer abstrakten, leeren Verabsolutierung der dichterischen Welt sind ihr sehr wohl bewuf3t, Sie will vor ahem ?Poesie wie Brot fur das Volk" schreiben, die auf ein `Du` gerichtet ist, um den aus Angst vor unserer Welt Schlafenden zu wecken. Diese Absage an fart pour fart ist einer der wichtigsten Momente beim Schaffen von Ingeborg Bachmann, obwohl ihre Lyrik auch von Asthetisierung gepragt bleibt. An die Stelle des einsamen Kunstler-Ichs also setzt sie ein.programmatisches `Wir`, and in einer Solidaritat im Leiden hofft sie eine Sprach-Utopie, worin die Grenze zwischen den Sprachen bzw, die zwischen den Menschen aufgehoben Bind, Diese Konzeption ist zwar utopisch, doch solle der Dichter diese Hoffnung nicht aufgeben and weiterschreiben, nur so kbnne er dem Wiedergewinn der Menschlichkeit dienen and seine Existent rechtfertigen, 3, Die moralische Gesinnung der Dichterin, die in dieser oder der nachsten Gegenwart stark zu wirken beabsichtigt, verwirklicht sich im Werk als Sisyphos-Arbeit des lyrischen Ichs von standiger Aufnahme eines `Landes` and sofortiger `Abfahrt` and `Flucht` . Dem Anschein nach ware diese Sisyphos-Arbeit sinnlos, aber gerade diese Wiederholung and Variation begrnndet die Existent des Dichters. Nach Ingeborg Bachmann, ist die Literatur ein nach vorn geoffnetes Reich, and dem Schriftsteller sei kein `erledigter Akt` erlaubt, son dern nur `das immet neue AufreiBen einer Vertikale` . Durch dieses immerw$hrenbe AufreiBen kSnne eine Ver nderung der Welt mbglich sein. Daruber hinaus, weil die unzulanglichste Sprache jedes Dichtens auf dem Unterwegssein zu der Sprach-Utopie bleibt, kann die Existenz des Dichters dementsprechend utopisch aufgeh