Der vorliegende Aufsatz widmet sich der Analyse von Michael Endes (1926∼ 1995) Kinderroman Jim Knopf und Lukas der Lokomotivfuhrer (1960), der im Vergleich zu seinen beiden anderen Werken Momo und Die unendliche Geschichte relativ seltener untersucht ist. Endes erster Roman erbrachte einen Paradigmenwechsel in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg und bereicherte diese mit einem neuen Kindheitsbild Industriezeitalters, das wiederum auf das Kindliche der romantischen literarischen Tradition rekurriert. Nach Endes Tod wurden etliche Forschungen zu seinem Werk publiziert, die dazu verhelfen, auch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivfuhrer aus einer vollig neuen Perspektiven zu interpretieren. In diesem Bezug soll die Studie Darwins Jim Knopf (2009) der Kunsthistorikerin Julia Voss vorgestellt und damit ihr neuer Forschungsansatz zu Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivfuhrer untersucht werden. Ihre Hypothese besagt, der Roman sei eine `Parodie von Charles Darwins beruhmten Expeditionsbericht Die Fahrt von Beagle`. Sie legt viele Bezugspunkte zwischen Ende und Charles Darwin offen, wie etwa das Motiv der Kindesentfuhrung und die Anlehnung der Figur Jim Knopf an die reale historische Person “Jemmy Button”, einen Jugendlichen, der 1832 aus Feuerland nach England verschleppt und nach erst zwei Jahren in seine Heimat zuruckgebracht wurde. Charles Darwin hatte ihn auf der zweiten Expedition von Robert FitzRoy auf dem Forschungsschiff HMS Besgle kennengelernt. In der vorliegenden Untersuchung wird das Augenmerk auf die zu Lebzeiten Endes nicht zur Kenntnis genommenen autobiographischen Bezuge in seinen Werken - wie seine Erfahrungen in einer rassistischen Bildungspolitik des Dritten Reichs unterworfenen Schule - und der Anklang dieser Kindheitserlebnisse und seiner sozialkritischen Ansichten im Werk Jim Knopf gerichtet. In der Phantasiewelt von Jim Knopf spiegelt sich Endes Kritik an der von den Nationalsozialisten vereinnahmten darwinischen Evolutionstheorie und an der rassenideologisch gepragten Bildungspolitik des Dritten Reichs wider. Die Phantasie ermoglicht einen Bruckenschlag zwischen Realitat und utopischer Gesellschaft und daruber hinaus die Selbstheilung der Verletzungen, die einst in der Kindheit zugefugt wurden.